Blühende Oasen inmitten der Stadt

Das Eisenacher Projekt „Bunte Gärten am Moseberg“ bringt mit frischem
Grün Landlust und pure Lebensfreude ins graue Stadtviertel. Hier können nicht
nur Pflanzen Wurzeln schlagen.

Maike Röder betreut das
Projekt

Allein der Name lässt Bilder aus längst vergangenen
Zeiten auferstehen – „Bunte
Gärten am Moseberg“. Wir sehen Alexander
den Großen, der staunenden Auges
die Hängenden Gärten von Babylon erblickt.
Unsere Fantasie entwirft Visionen
der Gartenbaukunst. Kurz, wir erwarten
ein Weltwunder in Eisenach-Nord. Der
Name trügt ein wenig. Das Wunder erschließt
sich nicht sofort. Die Bezeichnung
„Moseberg“ geht auf ein hier ehemals
verbreitet anzutreffendes Gewächs zurück
und bedeutet „bemoster Berg“, kurz Moseberg.
An seinen sanften Hängen liegt
heute das Stadtviertel Eisenach-Nord, eine
DDR-Plattenbausiedlung, wie man sie so oder ähnlich in vielen Städten der neuen
Bundesländer findet. Nach der Wende
nahm der Leerstand zu – und schuf Freiraum
für neue Ideen. Der durch den Wegzug
vieler Mieter erforderliche Rückbau
hinterließ Brachen, die es sinnvoll zu nutzen
galt. Der perfekte Nährboden für Interkulturelle
oder Bunte Gärten, ein Konzept,
das weltweit etabliert ist und vor
etwa zehn Jahren in Deutschland ankam.

Austausch im Grünen

Gartenfreunde aller
Altersklassen haben sichtlich viel Spaß an dem Projekt.

Bei den „Bunten Gärten am Moseberg“
kann jeder mitmachen, der gerne gärtnert.
Erholung und Gartenarbeit gehen
dabei Hand in Hand. Es sind bereits zahlreiche
ansehnliche Beete für den Anbau
von Obst, Gemüse, Kräutern oder Blumen
für den persönlichen Bedarf entstanden.
Die Größe der Beete richtet sich
nach Kraft und Interesse jedes Einzelnen.
Doch der Gedanke der Eisenacher Oase
geht deutlich weiter. „Über das Gärtnern
hinaus sind uns die Kontakte und der
Austausch zwischen den Kulturen, Religionen
und Generationen wichtig“, erklärt
Maike Röder, die bei der Diakonie für die
Sozialarbeit im Kirchenkreis verantwortlich
ist und sich ehrenamtlich als Ausländerbeauftragte
der Stadt Eisenach engagiert.
Sie hat das grüne Projekt am Moseberg
von Anfang an begleitet. „Besonders für Zugewanderte und Menschen mit
Migrationshintergrund findet sich so ein
Weg, am neuen Lebensort
sprichwörtlich
Wurzeln zu bilden“, freut sich die Gartenpatin.
Auch Menschen mit gesundheitlichen
Einschränkungen und Senioren
können nach ihren Möglichkeiten mitgärtnern.
Neben den individuellen Parzellen
entstehen in einem angrenzenden
Bereich ein Generationenparcours
und
unterfahrbare Hochbeete für Rollstuhlfahrer.
Die Bunten Gärten sind damit
auch ein Paradies des zwischenmenschlichen
Miteinanders. Das ist das eigentliche
Wunder in Eisenach-Nord.

Disteln und Brennnesseln

Zum Leben erweckt wurden die „Bunten
Gärten am Moseberg“ in einem großen
Netzwerk mit zahlreichen Partnern und
Ideengebern. Das Vorhaben ist ein Projekt
der Diako Westthüringen
gGmbH.
Partner ist die Städtische Wohnungsgesellschaft
Eisenach (SWG). Sie stellt
zum Beispiel eine Wohnung als Projektbüro
und Treffpunkt zu Verfügung, ließ
eine Wasserleitung für das Areal verlegen,
errichtete ein Bienenhäuschen. Den
benötigten Strom sponsert der kommunale
Energieversorger. Von der Idee bis
zum offiziellen ersten Spatenstich am
30. April 2010 vergingen fast drei Jahre.
„Damals war das ein wildes Gelände, auf
dem sich nur widerstandsfähige
Pflanzen
wie Disteln, Brennnesseln und Quecken
hielten“, erinnert sich Maike Röder. Der
Boden der etwa 3.000 Quadratmeter
großen Brachfläche wurde aufwendig aufbereitet, um eine geeignete Lebensgrundlage
für anspruchsvollere Pflanzen
zu schaffen.

Spenden und Gute Gaben

Wer fleißig arbeitet, der soll auch zünftig feiern – so wie hier beim
Erntedankfest mit Obst, Gemüse und Blumen aus eigenem Anbau.

„Die Bunten Gärten leben von Spenden
und guten Gaben“, fügt Maike Röder an.
Zum Kreis der Unterstützer gehört der Lebensgut
Cobstädt e. V., er spendete Apfelbäumchen
und übernahm Baumpatenschaften.
Auch die KoWa Waltershausen
spendet alljährlich viele Pflanzen. Das Bundesamt
für Migration und Flüchtlinge war
als Projektförderer in den ersten drei Startjahren
aktiv, es hat einen halben Stellenanteil
zum Aufbau und zur Koordinierung
getragen. Besonderen Wert legen die
Stadtgärtner auf Nachhaltigkeit. So betreuen
Kinder aus einer nahen Grundschule
eine eigene Fläche mit Insektenhotel
und bauen darauf bevorzugt traditionelle
Gemüsesorten an. „Wenn möglich,
nutzen wir selbst gezogenes Saatgut“,
bestätigt Maike Röder. Die Eisenacherin ist
stolz auf das, was hier geschaffen wurde,
und hofft auf Nachahmer.
Vielfältige Anregungen
dafür finden Interessierte unter
www.anstiftung-ertomis.de. Kontakt zu
den „Bunten Gärten am Moseberg“ unter
der Telefonnummer 03691 260-355.


Frisch gepresst

Nach der Ernte von Apfel,
Birne & Co. fragen sich viele
Kleinbauern und Hobbygärtner:
Wohin mit dem Obst? Wer
nach dem zwölften Apfelkuchen
noch Früchte übrig hat,
kann sie am 28. September
zwischen 9 und 17 Uhr am
Forsthaus Willrode in der
Forststraße 71 in Erfurt
vorbeibringen. Dort macht die
Mobile Mosterei der GRÜNEN
LIGA Thüringen Station. Das
mitgebrachte Obst wird gleich
vor Ort zu leckeren Säften
gepresst und abgefüllt.
Weitere Informationen zur
Mobilen Mosterei gibt es
unter www.obstnatur.de.