Thüringens weißes Gold

Mit der Porzellanmanufaktur Wagner & Apel startet die neue Serie "Thüringer Manufakturen".

Modelleurin

Modelleurin Regina Kästner braucht ein ruhiges Händchen, damit der Falke ordentlich Kontur bekommt.

Mit geübtem Auge mustert Regina Kästner den Turmfalken, der vor ihr auf dem Tisch in der Werkstatt der Porzellanmanufaktur Wagner & Apel steht. Vor dem ersten Brand prüft die Modelleurin die filigrane Porzellanfigur auf Herz und Nieren. Mit dem Retuschiereisen zieht sie hier und da das feine Gefieder nach. In wenigen Tagen wird der Greifvogel mit dem stechenden Blick seinen Platz zwischen den anderen Figuren im Verkaufsraum einnehmen. „Wir sind eine der letzten Firmen, die Porzellanherstellung noch so zeigen kann, wie sie traditionell von Hand gemacht wird“, erklärt Geschäftsführer Hans Seibert, der mittlerweile seit stolzen 53 Jahren in dem Familienbetrieb arbeitet. Maschinelle Fertigung ist in dem Lippelsdorfer Betrieb bis heute ein Fremdwort. „Besucher können uns während der kompletten Produktion, vom wässrigen Schlicker bis zur fertigen Porzellanfigur, bei jedem Handgriff über die Schulter schauen“, ergänzt Tochter Marika Rosenbusch, die als studierte Finanzökonomin den Posten der Vertriebsleiterin übernommen hat. „Das ist schon ziemlich einzigartig.“ Weit über 3.000 Modelle haben sich über die Jahrzehnte angesammelt, sie bilden heute einen der größten Schätze und den Grundstock des Traditionsbetriebs.

Seit 1877 stellt die Manufaktur der heutigen Inhaber in dem kleinen Ort zwischen Lichte und Gräfenthal Porzellan her. Regina Kästner und Marika Rosenbusch (Bild oben) sind die Ur-Urenkelinnen des Firmengründers, sie leiten zusammen mit ihrem Vater Hans die Geschicke der Firma. Und die hat Besuchern einiges zu bieten: Neben der traditionellen Fertigung von Porzellanfiguren wartet auch ein einmaliger Einblick in die Geschichte des weißen Goldes: Von der riesigen Dampfmaschine über die historischen Mahlwerke bis zu den großen alten Brennöfen ist hier alles erhalten, was in früheren Zeiten zur Porzellanherstellung nötig war.

Verschiedene

Verschiedene Werkzeuge lassen aus dem Rohmaterial filigrane Figuren entstehen.

Dabei sah es zwischenzeitlich sehr schlecht aus für die Lippelsdorfer „Porzelliner“: 1972 enteignete die DDR-Führung die Familie, mit 80 Prozent Exportquote versprach der florierende Betrieb jede Menge Deviseneinnahmen. 1989 war die Schließung des völlig heruntergewirtschafteten Unternehmens eigentlich schon beschlossene Sache. Die Wiedervereinigung und Reprivatisierung brachte buchstäblich die Rettung in letzter Minute. „Damals stand ich vor der Entscheidung, ob ich im Alter von 50 die Beine hochlege oder noch einmal von vorne anfange“, erinnert sich Hans Seibert. „Früher gab es im Umkreis von 20 Kilometern sage und schreibe 27 Porzellanmanufakturen, heute sind wir die Einzigen.“

Der Erfolg zeigt, wie richtig seine Entscheidung war. Nachdem der Betrieb langsam wieder Fahrt aufnahm, bot 1995 das Thüringer Denkmalamt seine Unterstützung beim Erhalt der einzigartigen Anlage an. 2005 folgte sogar die Auszeichnung mit dem Thüringer Denkmalschutzpreis. Zudem habe der Druck durch Billigkonkurrenten in den vergangenen Jahren etwas nachgelassen. „Immer mehr Menschen besinnen sich auf deutsche Handarbeit und wissen das zu würdigen“, erklärt Marika Rosenbusch. „Die schönste Belohnung sind die großen Augen der Leute, die hierher kommen. Wer erst einmal gesehen hat, wie viel Arbeit hinter den Produkten steckt, kauft mit einem ganz anderen Bewusstsein.“ Im Trend seien vor allem Tier- und Vogelplastiken sowie Figuren aus edlem Bisquitporzellan.

Heute ist die Manufaktur nicht nur bei Porzellanfans gefragt, sondern auch als Ausflugsziel beliebt. Neben einem kleinen Café im umgebauten Brennhaus gibt es einen urigen Raum für Gruppen und Bus-touristen. Kleinere Gruppen können sich im alten Brennofen bewirten lassen. Jeden Werktag um 11 und um 14 Uhr können Besucher bei einer Betriebsführung den Porzellankünstlern über die Schulter schauen. Wer tiefer in die Welt des weißen Goldes eintauchen möchte, kann einen Kurs im Porzellanmalen buchen, Kinder können ihre eigene Tasse dekorieren. Am 8. und 9. April, dem Tag des Thüringer Porzellans, knallen in Lippelsdorf die Sektkorken: Dann wird der 140-jährige Geburtstag des Familienbetriebs gefeiert.


Porzellan erleben

Besucher

Besucher sind während der Öffnungszeiten zum Werksverkauf in der Manufaktur herzlich eingeladen.

In der Porzellanmanufaktur sind sowohl Ausflügler als auch Reisegruppen gerne gesehen. Die individuellen Führungen vermitteln Groß und Klein einen bleibenden Eindruck von der Entstehung des Porzellans. Danach können die Besucher die Thüringer Gemütlichkeit testen: Kaffee-Variationen oder kühle Getränke und dazu ofenfrischen Kuchen (Vorbestellung bei Gruppen erwünscht) – wer kann dazu schon nein sagen?

Kontakt:
Wagner & Apel GmbH, Porzellanfiguren Lippelsdorf,Lippelsdorf 54,
98743 Gräfenthal | Telefon: 36701 61071 | www.wagner-apel.de

Öffnungszeiten:
Montag–Freitag: 9–17 Uhr, häufig auch an Wochenenden und nach Vereinbarung